Wahlfreiheit abgeschafft: Deutschlernende werden »zugesteuert«

Pressemitteilung

Seit Ende Juni gilt eine neue Verordnung für die Integrationskurse. Seitdem können sich Deutschlernende die Schule nicht mehr selbst aussuchen: Ein Algorithmus weist sie einer Schule zu, die sie nicht mehr wechseln können. Gegen diesen Eingriff in die Wahlfreiheit wehren sich Berliner Sprachschulen und Dozent_innen. In einem Brief an den noch amtierenden Bundesinnenminister fordern sie die Aufhebung der Verordnung.
Auf den ersten Blick schien es eine gute Idee: die „Zusteuerung“ von Deutschlernenden zu bestimmten Sprachschulen. Mit diesem Wort aus der „Just-in-Time“-Produktion von Autoteilen sollte, übertragen auf Sprachschüler_innen, deren punktgenaue Verweisung zur nächstliegenden Schule mit freien Plätzen bezeichnet werden. Wartezeiten sollten so verkürzt und die Auslastung der Kurse verbessert werden. Schon 2011 wurde ein entsprechendes computergestütztes System vorgeschlagen, allerdings für den ländlichen Raum, wo Integrationskurse oft nicht zustande kommen.
Umso mehr wunderten sich Berliner Sprachschulen, als im Juni die Integrationskursverordnung geändert wurde und bundesweit ein Zusteuerungssystem eingeführt wurde. Denn in Ballungsräumen sind Wartezeiten auf freie Kursplätze ein zu vernachlässigendes Problem. Neun Berliner Sprachschulen und 106 Dozent_innen in Integrationskursen haben heute einen Brief an de Maizière geschrieben, den noch amtierenden Bundesinnenminister.
Die Unterzeichner_innen befürchten gravierende Folgen für die Integrationskurse. Im neuen Zusteuerungssystem zählen nur scheinbar objektive Faktoren wie Sprachniveau und Kursbeginn. Das individuelle Profil einer Schule, die „besondere soziale und kulturelle Zusammensetzung der Kurse“, die Schule als ein „unverwechselbares soziales Projekt“ sollen keine Rolle mehr spielen. Werden Deutschlernende zwangsvermittelt und können sich die Schule nicht mehr danach aussuchen, ob deren Profil zu ihren individuellen Bedürfnissen passt, werde sich das negativ auf die Motivation zum Deutschlernen auswirken. Denn die Freiheit der Selbstbestimmung sei zentral beim Sprachenlernen, so die Erfahrung der Schulen.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die Deutschlernenden können die Schule, der sie einmal zugewiesen wurden, nicht mehr wechseln – nur wenn die Behörde es erlaubt. Sie seien dann „gleichsam angekettet“ an die Schule. Das würde sich „überaus negativ auf die Lernatmosphäre in diesen Kursen“ auswirken.
Die Neuregelung sei „nicht ausreichend bedacht“ und müsse so bald wie möglich überarbeitet werden, sodass „die Wahlfreiheit der Kursteilnehmer_innen respektiert“ werde.

Offener Brief an den Bundesinnenminister
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